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Fachschaft Mathematik/Informatik

Festvortrag Fr. Jorzik: Geprüft - und für gut befunden

Festvortrag

„Geprüft – und für gut befunden“

im Rahmen des Festakts anlässlich des

30-jährigen Bestehens der Studentischen Veranstaltungskritik

der Fachschaft Mathematik/Informatik

an der Universität Paderborn

am 23. Oktober 2010

Wir befinden uns im Jahre 11 nach dem Höhepunkt der Studentenunruhen in Deutschland. Nachdem das Bundesverfassungsgericht die Drittelparität an Universitäten für verfassungswidrig erklärt hat, sind die Studierenden im ganzen Land weitgehend still geworden. Im ganzen Land? Nein! An einer jungen Gesamthochschule in der ostwestfälischen Provinz verschaffen sich unbeugsame Studierende der Mathematik Gehör und üben freimütig Kritik an den Lehrveranstaltungen ihrer Professorinnen und Professoren.


Liebe Mitglieder der Fachschaft Mathematik/Informatik,

sehr geehrte Damen und Herren!


So etwa mag es gewesen sein, damals, 1979, als die damalige Fachschaft ihr „Unternehmen Fragebogen“ startete. Mag sein, dass ihre Aktion seinerzeit nicht die einzige Initiative von Studierenden war, Lehrveranstaltungen zu beurteilen. Sicher ist, dass es bereits in den 60er Jahren mehrere vergleichbare Projekte an deutschen Universitäten gab, beispielsweise in Freiburg, Göttingen oder Tübingen. Allerdings waren die meisten dieser Initiativen Ende der 70er Jahre bereits wieder eingeschlafen – warum, sei hier und heute dahingestellt.

Erst zu Beginn der 90er Jahre schlug deutschlandweit die große Stunde studentischer Veranstaltungskritik, wenn auch unter anderen Vorzeichen als in ihren Anfängen. Was ursprünglich als studentische Initiative, selbstorganisiert, begann, wurde nun staatlich verordnet und administrativ in Dienst genommen – und im Ergebnis den Studierenden nach und nach enteignet und entfremdet. Die Ironie dieser Entwicklung liegt darin, dass die studentische Veranstaltungskritik vielerorts mit dem politischen Ziel verordnet und eingeführt wurde, die Partizipation der Studierenden an der Gestaltung von Studium und Lehre zu stärken.

 

So auch in Nordrhein-Westfalen. Mit Runderlass vom 7. Mai 1991 wurden die sog. „wissenschaftlichen Hochschulen“ – also die Universitäten – des Landes aufgefordert,

ab Wintersemester 1991/92 in mindestens je einem Studiengang der vier Fächergruppen Geisteswissenschaften, Gesellschaftswissenschaften, Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften die studentische Veranstaltungskritik als regelmäßiges Instrument zur internen Optimierung der Lehre einzuführen.“

Mit diesem Erlass sollte eine von insgesamt 28 Maßnahmen des Aktionsprogramms „Qualität der Lehre“ umgesetzt werden. Die damalige Wissenschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, Anke Brunn, hatte dieses Programm Ende des Jahres 1990 aufgelegt.

Zu jener Zeit ächzten die Hochschulen unter der Überlast und litten unter Unterfinanzierung. Seit dem sog. „Öffnungsbeschluss“ von 1977 wurde der „Studentenberg“ untertunnelt (damit sind wir übrigens immer noch nicht fertig, und leider ist bis heute kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen). Obwohl sie für deutlich niedrigere Studierendenzahlen ausgelegt waren, sollten die Hochschulen für die Studienberechtigten der geburtenstarken Jahrgänge offen gehalten werden und über ihre Aufnahmekapazitäten hinaus Studienanfänger aufnehmen. Politik und Wirtschaft klagten über zu lange Studienzeiten und zu hohe Studienabbruchquoten. Es gab die ersten größeren studentischen Protestaktionen seit zwanzig Jahren, den sog. „Unimut“. Vor diesem Hintergrund sollten mit Hilfe zahlreicher Maßnahmen

  • die Studienreform wiederbelebt,

  • die Studierbarkeit verbessert,

  • der Stellenwert der Lehre im Vergleich zur Forschung erhöht und

  • die Studierenden stärker an der Gestaltung des Lehrbetriebs beteiligt werden.

Kommt Ihnen das alles bekannt vor? Die Ausgangssituation und die Stimmung an den Hochschulen seinerzeit waren in der Tat der heutigen sehr ähnlich. Das Thema „Qualität der Lehre“ ist eben von gewissermaßen zeitloser Aktualität, was damit zusammenhängen mag, dass sich im Grunde wenig geändert hat. Aber das ist ein anderes Thema und führt hier und heute zu weit.

Zurück zum Aktionsprogramm „Qualität der Lehre“. Es wurde in zwei gemeinsamen Arbeitsgruppen – eine mit den Universitäten, eine mit den Fachhochschulen – beraten und konkretisiert. Den Arbeitsgruppen gehörten jeweils vier Rektoren an – darunter übrigens auch der damalige Rektor der hiesigen Hochschule und Professor für Mathematikdidaktik, Hans-Dieter Rinkens, – sowie zwei Studierende. Ich war damals eine dieser beiden Studierenden.

Der sogenannte „Abschlussbericht“ über die Arbeit dieser beiden Arbeitsgruppen ist auch heute noch – oder heute wieder – lesenswert. Unter der Maßnahme Nr. 13 „Studentische Veranstaltungskritik“ heißt es:

Solche Veranstaltungskritik hat vor allem den Zweck einer hochschulinternen Optimierung der Lehre. Die Lehrenden sollen sich einer Kritik stellen, um sich selbst als Lehrer besser einschätzen und Mängel abstellen zu können. Auf diese Weise soll der Dialog zwischen Lehrenden und Studierenden gefördert oder initiiert und darüber hinaus eine Grundlage für die fachbereichsinterne Diskussion und Entscheidung über Verbesserungsmaßnahmen geschaffen werden.“

Zu den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen heißt es weiter:

  • Die studentische Veranstaltungskritik braucht eine kooperative Basis. Deshalb müssen die Fachbereiche, die Lehrenden und die Studierenden mit ihren Fachschaften gewonnen werden, die Veranstaltungskritik als ihr eigenes Instrument zu begreifen. Die Veranstaltungskritik darf den Dialog zwischen den Lehrenden und den Studierenden auch in anderen Formen nicht hindern, sondern soll ihn fördern.

  • Die studentische Veranstaltungskritik ist hochschulinterne Angelegenheit und kein staatliches Mittel zur Kontrolle der Lehrenden. Ihre Ergebnisse bleiben in der Hochschule.

  • (...)

  • Die studentische Veranstaltungskritik soll mittels eines Fragebogens geübt werden, der die wichtigsten didaktischen Merkmale der betreffenden Lehrveranstaltung und der persönlichen Lehrleistung abfragt. Dabei geht es vorrangig nicht um eine exakte Messung der Lehrprozesse, sondern um Impulse zur Verbesserung der Lehre.“


Man könnte meinen, Ihr Konzept und Ihre Praxis studentischer Veranstaltungskritik habe Pate gestanden für diese Maßnahme des Aktionsprogramms „Qualität der Lehre“. Umso befremdlicher mag es anmuten, dass seinerzeit keine andere Maßnahme zwischen den Rektoren einerseits und den Studierenden und Ministerialvertretern andererseits so heftig und kontrovers diskutiert wurde wie ausgerechnet die studentische Veranstaltungskritik. Sogar eine Extra-Sitzung wurde hierzu einberufen. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, ging es damals aber weniger um das Instrument als solches, sondern vor allem um die Gestaltung der Fragebögen und das von der Gemeinsamen Kommission und dem Wissenschaftlichen Sekretariat für die Studienreform des Landes Nordrhein-Westfalen hierfür erarbeitete Muster.

Nach diesem Muster-Fragebogen wurden die Studierenden gebeten, auf die folgenden vier Fragen zu antworten:

  1. inwieweit ihnen klar gemacht wurde, welche Bedeutung die jeweilige Lehrveranstaltung für ihr weiteres Studium und ihre Prüfungen habe;

  2. wie gut der behandelte Stoff nach Umfang und Anforderung zu verkraften war;

  3. inwieweit die Veranstaltung ihr Interesse und Problemverständnis für das Fach gefördert habe,

  4. wie sie die Lehrveranstaltung und ihre Durchführung im Hinblick auf

    • die Präsenz des Lehrenden,

    • sein Engagement,

    • die Strukturierung,

    • die Verständlichkeit,

    • den Vortrags- bzw. Arbeitsstil,

    • die Veranschaulichung des Stoffes sowie

    • das Eingehen auf Fragen bzw. Anregungen von Studierenden

beurteilten und ob Gesprächsbereitschaft auch außerhalb der Lehrveranstaltung gegeben war.

Um die Ergebnisse besser einschätzen zu können, sollten die Studierenden außerdem angeben,

  • um welchen Typ von Lehrveranstaltung es sich jeweils handelte (Vorlesung/Seminar/Übung/
    Praktikum);

  • ob es eine Pflicht- oder Wahlveranstaltung war;

  • und in welchem Fachsemester sie selbst studierten.


Es gibt gewiss elaboriertere Fragebögen, aber auch im Rückblick kann ich mich der teilweise geübten Fundamentalkritik nicht anschließen. Zwar mag heute manches recht „stofflastig“ klingen; überhaupt fehlt natürlich der ganze Bologna-Neusprech. Zentrale Fragen nach der Einhaltung grundlegender hochschuldidaktischer Regeln, nach der Studierbarkeit und vor allem nach der curricularen Einbettung der Lehrveranstaltung wurden aber gestellt.

Finden Sie das „zu schlicht“? So urteilten die Methodenexperten, von denen einige in den folgenden Jahren zunächst studentische Lehrveranstaltungsbeurteilungen, später die Evaluation von Forschung und Lehre an den Hochschulen zum Gegenstand empirischer Forschung machten.

Befürchten Sie, dass mit Hilfe dieses Instruments Lehrende reihenweise an den Pranger gestellt und diffamiert werden könnten? So lautete die Sorge vieler Hochschullehrer.

Teilen Sie die Auffassung, dass, wenn die Qualität der Lehre gefördert werden soll, auf (negative) Kritik der Studierenden weitgehend verzichtet und stattdessen positive Anreize geschaffen werden müssen, um die Lehrenden zu motivieren? So die Forderung der Hochschuldidaktik.

Die heftigste und schwerwiegendste Kritik bezog sich indessen auf die Validität des Instruments und der Fragebögen. Es gab erhebliche Zweifel, ob die Ergebnisse tatsächlich etwas über die Qualität einer Lehrveranstaltung aussagten. Immer wieder wurde unterstellt,

  • dass der Unterhaltungswert der Lehrveranstaltung für die Studierenden im Vordergrund stehe;

  • dass Studierende weniger die Lehrqualität als die Beliebtheit des Lehrenden beurteilten;

  • dass ungünstige Rahmenbedingungen wie beispielsweise ein überfüllter Hörsaal oder unpopuläre Veranstaltungszeiten – freitags von 16:00 bis 18:00 Uhr etwa– die Beurteilung verzerrten;

  • dass die Beurteilung vor allem von den Voraussetzungen, Erwartungen und Lernhaltungen der Studierenden abhänge: Was der eine Student (intelligent, motiviert und leistungsbereit) als „super“ empfinde, beurteile seine (nicht studierfähige und gelangweilte) Kommilitonin vielleicht als „grottenschlecht“.

Durch die Vielzahl der inzwischen erfolgten empirischen Untersuchungen zum Thema werden diese Hypothesen nicht untermauert.

Natürlich habe ich die genannten Vorbehalte für diesen Vortrag zugespitzt und auch verkürzt. Aber diese Argumente wurden damals durchaus ins Feld geführt, und zwar mitunter ebenfalls recht zugespitzt und wenig differenziert. Die ganze Diskussion war eben eine politische und keine wissenschaftliche oder wissenschaftsgeleitete Auseinandersetzung. Damals war ich empört, heute kann ich diese Kritik an der Kritik besser verstehen. Sie richtete sich eigentlich nicht gegen die Studierenden und die von ihnen verantworteten Befragungen, sondern gegen die staatlich-administrative Vereinnahmung des Instrumentariums zu Steuerungszwecken. Gegen die, wenn Sie so wollen, Bürokratisierung und „Technokratisierung“ studentischer Veranstaltungskritik.

Trotz alledem trat die studentische Veranstaltungskritik bundesweit einen Siegeszug an. Zwar wurde sie an keiner einzigen Hochschule in Nordrhein-Westfalen gemäß den Vorgaben des zitierten Erlasses umgesetzt – also nicht in allen Fächergruppen, oder nicht flächendeckend in allen Lehrveranstaltungen eines Studiengangs; auch nicht hier in Paderborn –, obwohl die Hochschulen mit erheblichen Fördermitteln geködert werden sollten (übrigens hat keine Hochschule so stark an dieser Förderung partizipiert wir die Universität Paderborn).

In einer Zwischenbilanz des Aktionsprogramms aus dem Jahre 1997 wird dennoch resümiert:

Die Ergebnisse der studentischen Veranstaltungskritik werden – v. a. auch in der Dekaneumfrage – eindeutig positiv bewertet. Sie wird als ein wichtiges Instrument für den Dialog und das Feedback zwischen Lehrenden und Studierenden gesehen. Das Aktionsprogramm hat mit dazu beigetragen, die studentische Veranstaltungskritik zu veralltäglichen.“


Heute ist die studentische Veranstaltungskritik eine Normalität, ein Aufreger allenfalls noch dann und wann für Datenschützer. Sie wird vielleicht nicht flächendeckend praktiziert, aber sie ist aus dem Hochschulalltag nicht mehr wegzudenken. Fast alle Landeshochschulgesetze verpflichten die Hochschulen zur Evaluation der Lehre unter Einbeziehung der Studierenden. Die Ergebnisse studentischer Veranstaltungskritik werden mancherorts im Rahmen der hochschulinternen leistungsorientierten Mittelverteilung, bei der Verhandlung lehrbezogener Leistungszulagen sowie bei Berufungen und Bleibeverhandlungen berücksichtigt. Eine Reihe von Lehrpreisen stützt sich teilweise oder sogar ausschließlich auf die studentische Lehrevaluation (beispielsweise der von der hiesigen Fakultät für Elektrotechnik, Informatik und Mathematik ausgelobte Weierstraß-Preis oder der vom Stifterverband auf Vorschlag der Hochschulrektorenkonferenz verliehene Ars legendi-Preis). So weit die positive Bilanz.

Doch es gibt auch eine Kehrseite. Nicht immer ist die Veralltäglichung ein Grund zur Freude. Immer wieder wird von Ermüdungstendenzen und Unlust der Studierenden berichtet, in jeder Lehrveranstaltung in jedem Semester die im Wesentlichen immer gleichen Fragebögen auszufüllen. Was ursprünglich etwas mit studentischem Aufbegehren zu tun hatte und als ein nicht von vornherein und selbstverständlich zugestandenes Recht wahrgenommen wurde, ist der einen oder dem anderen heute nur noch eine lästige Pflicht. Die studentische Veranstaltungskritik hat den Reiz des Anarchischen und Widerständigen verloren. Die Ermüdungserscheinungen haben allerdings auch etwas mit der Folgenlosigkeit des Instruments zu tun: Zu selten haben die studentischen Rückmeldungen Konsequenzen im Lehralltag.

Vor allem aber markiert die Wiederentdeckung der studentischen Veranstaltungskritik in den 90er Jahren den Beginn der „Vermessung“ der Qualität der Lehre.

Die Beurteilung von Lehrveranstaltungen durch Studierende ist heute regelmäßig ein Baustein in umfassenden Qualitätsmanagementsystemen. Sie wird ergänzt um Studierendenbefragungen zu Studiengängen, um Absolventenbefragungen, um Lehrberichte, um regelmäßige externe Evaluationen durch peers – um nur die gängigsten Instrumente der Lehrevaluation zu nennen. Seit Bologna kommt noch die Akkreditierung hinzu, die sich zwar derselben Instrumente wie die Evaluation bedient, aber einen anderen Zweck verfolgt: Während es bei der Evaluation um Selbstvergewisserung über das Erreichen selbst definierter Ziele und selbstgesteuerte Optimierungsprozesse geht, attestiert eine erfolgreiche Akkreditierung die Erfüllung extern vorgegebener Mindeststandards. Wegen des enormen zeitlichen Aufwandes und des erforderlichen Know-hows betreiben Experten dieses Geschäft: Stabsstellen für Qualitätssicherung und –entwicklung, Evaluationsbeauftragte usw. Sie sind unermüdlich damit beschäftigt, alle Beteiligten zu befragen, Kennzahlen zu erheben, Berichte zu verfassen – kurzum: ein Lehrmonitoring zu betreiben und das Instrumentarium immer weiter zu verfeinern.

Richtet man den Blick über die einzelne Fakultät und Institution hinaus, stellt man fest, dass sich inzwischen ein regelrechter Evaluations-Wanderzirkus im deutschen Hochschulsystem etabliert hat: Ständig wird irgendwas irgendwo durch irgendwen evaluiert. Und damit das Ganze auch sachverständig erfolgt, kann man sich seit dem WS 2004/05 an den Hochschulen des Saarlandes in einem Masterstudiengang zum professionellen Evaluator weiterbilden lassen. Zwar soll es noch immer Hochschullehrer geben – Anwesende und Mitglieder der Universität Paderborn und insbesondere der Institute für Informatik und Mathematik sind selbstverständlich ausgenommen – denen die Studienordnung unbekannt ist, die maßgeblich für die Gestaltung ihrer Lehre sein sollte, dafür sind sie aber Experten für Leistungsindikatoren und Kennzahlen.

Und? Was hat uns all das bis heute gebracht?

Wenn ich so frage, ahnen Sie, dass ich dieser Entwicklung nicht ohne Skepsis gegenüberstehe. Keine Frage: Wir wissen heute viel mehr über die Situation von Lehre und Studium als vor zwanzig oder dreißig Jahren. Und das ist auch gut so. Denn

  • wenn wir keine Ziele definieren, die wir in der Lehre erreichen wollen;

  • wenn wir uns nicht mit Hilfe aller uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten vergewissern, inwieweit wir diese Ziele auch erreichen,

  • wenn wir uns nicht regelmäßig und selbstkritisch Rechenschaft ablegen über Erfolge und Misserfolge,

dann steuern wir die Hochschulen nicht, sondern lassen uns treiben, und berauben uns der Möglichkeit, den Kurs ggf. zu ändern. Eine Qualitätskultur der Lehre stützt sich auch auf ein gutes Qualitätsmanagement.

Andererseits habe ich manchmal den Eindruck, dass über die ganze Beschäftigung mit der Qualitätssicherung die Qualität als solche – die Qualität der Lehre – mitunter in den Hintergrund gerät. Als würden wir den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Als stünde die Qualitätssicherung nicht mehr im Dienste der Lehre und ihrer Verbesserung, sondern sei zum Selbstzweck geworden.

Vor allem aber misstraue ich einem Qualitätsdiskurs, der sich nahezu ausschließlich auf quantitative Parameter stützt. Lehrqualität lässt sich nicht messen. Was gute Lehre ist, kann letztlich nur subjektiv beurteilt werden, anhand transparenter, nachvollziehbarer Kriterien. Und vielleicht braucht ein solches Urteil eine diskursive Grundlage, nimmt erst im Gespräch zwischen Lehrenden und Studierenden Gestalt an. Anhaltspunkte und eine Gesprächsgrundlage hierfür zu liefern, das ist die Funktion studentischer Veranstaltungskritik.


Liebe Fachschaft Mathematik/Informatik,

zum 30-jährigen Jubiläum der studentischen Veranstaltungskritik gratuliere ich sehr herzlich. Ich habe die Durchführung hier über all die Jahre natürlich nicht verfolgt. Ich weiß also letztlich nicht,

  • inwieweit es Ihnen gelungen ist, den Dialog zwischen den Studierenden und den Lehrenden an Ihren Instituten zu fördern;

  • welche Veränderungen auf Grund studentischer Rückmeldung und Anregungen erfolgt sind;

  • mit welchen Problemen und Widerständen – praktischer, technischer, rechtlicher oder hochschulpolitischer Natur – Sie zu kämpfen hatten.

Was ich aber weiß, ist, dass es nur selten gelingt, Fachschaftsinitiativen eine derartige Kontinuität zu verleihen. Schon allein dafür gebührt Ihnen die Anerkennung Ihrer Institute und Ihrer Hochschule. Und ich bin sicher, es gäbe heute nichts zu feiern, wenn nicht sowohl die Studierenden als auch die Lehrenden die studentische Veranstaltungskritik und die Art und Weise, in der sie hier praktiziert wird, wertschätzten.

Wertschätzung für Feedback und gegenseitiger Respekt wiederum sind nach meiner festen Überzeugung unerlässliche Voraussetzungen dafür, dass studentische Veranstaltungskritik und Lehrevaluationen ihr Potenzial entfalten können. Sie wären der Mühe kaum wert, wenn Kritiker und Kritisierte sich nicht mit der Kritik auseinandersetzten und die ganze Prozedur zu einem Alltagsritual erstarrte. Studentische Veranstaltungskritik zuzulassen und auszuhalten, auch wenn sie im Einzelfall ungerecht und kränkend sein mag, bedeutet, den Studierenden auf Augenhöhe zu begegnen, ihre Anliegen und ihren Unmut ernst zu nehmen und nicht als unqualifizierten Ausdruck notorischen Protestes abzutun. Studierende allerdings dürfen diesen Respekt nur erwarten, wenn sie ihrerseits verantwortungsvoll Kritik üben, und das heißt: sachlich und mit Augenmaß. Sie würden das Instrument missbrauchen, wenn sie es mit Häme verwechselten und für die Abrechnung mit ungeliebten Lehrenden nutzten.


Wie gesagt, hier in Paderborn, in der Mathematik und Informatik, ist die studentische Veranstaltungskritik ganz offenbar eine Erfolgsgeschichte. Hier lässt sich studieren, was studentische Veranstaltungskritik leisten kann und an welche Voraussetzungen das geknüpft ist. Und so kann ich resümieren:

  • Die Bedeutung der studentischen Veranstaltungskritik für die Gestaltung der Lehrveranstaltungen in der Mathematik und Informatik und Verbesserungsmöglichkeiten wurde Studierenden und Lehrenden kontinuierlich deutlich.

  • Der Einsatz eines Fragebogens hat sich durchweg bewährt. Der Zeitaufwand für die Beantwortung des Fragebogens war angemessen und lohnend.

  • Die Fragebögen sind in Aufbau und Struktur klar und überzeugend. Die Fragestellungen waren jederzeit verständlich und anschaulich.

  • Die studentische Veranstaltungskritik hat zahlreiche Studierenden dazu motiviert, sich über die Lehrevaluation hinaus mit Fragen von Lehre und Studium auseinanderzusetzen. Etliche Studierende konnten im Laufe der Jahre für die Fachschaftsarbeit gewonnen werden.

  • Das Engagement der Fachschaftsmitglieder für die studentische Veranstaltungskritik ist bis zum heutigen Tage herausragend.

  • Die studentische Veranstaltungskritik hat den Dialog zwischen Studierenden und Lehrenden maßgeblich befördert und intensiviert. Das Gesprächsklima in der Mathematik und der Informatik ist von gegenseitigem Interesse und Vertrauen bestimmt. Man hat jederzeit ein offenes Ohr füreinander.

Kurzum: Die studentische Veranstaltungskritik wurde von einer unabhängigen Gutachterin unter Verzicht auf notarielle Aufsicht geprüft – und für gut befunden.